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            Das schlaraffische Spiel

Einmal in der Woche zwischen Oktober und April jeden Jahres treffen sich die Mitglieder aller Schlaraffenvereine weltweit in ihren Vereinslokalen, die sie ihre ‘Burg’ nennen. Sie hängen sich farbenfrohe Mäntel mit bunten Aufnähern oder eine Schärpe bestückt mit vielen kleinen metallenen Abzeichen über die Schulter, ziehen eine Art Narrenkappe auf und beginnen ein geist- und humorvolles Spiel, das sie das ‘Schlaraffische Spiel’ nennen. Seit 160 Jahren verkörpert und lebt dieses Spiel von vier Grundelementen, die als die allumfassenden Werte und Ideale der Schlaraffia angesehen werden.


Das vierte Element: Die Freundschaft

Da die Urschlaraffen freundschaftlich miteinander verbunden waren, war dieses Grundelement der Schlaraffia ursprünglich nicht von entscheidender Bedeutung. Mit dem Wachsen der schlaraffischen Vereine entstand aber bald die Notwendigkeit, neben den bisher verbindenden Elementen Geben und Nehmen, dem Ritterspiel und Kunst und Humor eine noch enger verbindende Klammer zu finden, und da bot sich die ‘Freundschaft’ an. Dies hatte entscheidende Auswirkungen und verlieh der Schlaraffia Dauer. Es ist unbestritten, daβ dieses wichtigste Element des schlaraffischen Spiels den Bund über 160 Jahre zusammengehalten hat.


Ursprünglich waren es professionelle Künstler, die den Schlaraffenabend mit ihren Darbietungen belebten. Aber recht bald wurden die künstlerischen Beiträge in den Zusammenkünften auch von Nicht-Künstlern, also Amateuren vorgetragen. Dadurch wurde das Niveau durchaus unterschiedlich, im Vortrag als auch im Gehalt. Die Zuhörer fanden das Gebotene ebenfalls unterschiedlich, teils gut, teils schlecht, was auf die Leistungen der Profikünstler ebenfalls zutraf. Dank der vorhandenen Freundschaft, die man dem Vortragenden entgegenbringt, gibt es Beifall allein für den Versuch, gleich, ob geglückt oder nicht geglückt. Das macht natürlich Mut, auch einmal etwas vorzutragen, selbst auf die Gefahr hin, sich zu blamieren. Jeder Schlaraffe kann jederzeit zu den abendlichen Zusammenkünften anderer Schlaraffenvereine in der Welt dazukommen, und er ist gewiß, daß er als guter Freund empfangen und geehrt wird. Das schafft eine starke Bindung aller Schlaraffen untereinander.


Diese Freundschaft zeigt sich selbstverständlich auch in der profanen Welt, also über das schlaraffische Spiel hinaus. Schlaraffen sind aber auch nur Menschen! Es kann schon vorkommen, daß es im privaten Leben schwerfällt, die freundschaftlichen Bande mit einem anderen Schlaraffen aufrechtzuerhalten. Dann zeigt sich jedoch die Stärke der schlaraffischen Bindungen. Der Respekt vor dem Spiel und die hohe Toleranzschwelle in Schlaraffia machen es möglich, auch in diesen Fällen miteinander zu spielen.


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Das erste Element: Geben und Nehmen

Wir leben heute in einer Zeit sich überschlagender Ereignisse, die nicht nur friedvoll sind. Moralische Verpflichtungen auf vielen Gebieten des menschlichen Zusammenseins werden vermißt. Oft werden Schranken des Mißtrauens und eine gewisse Schutzzone aufgebaut. In Schlaraffia findet man eine Gemeinschaft, die einem über das Alltägliche hinaushebt und mehr Inhalt und Lebensfreude bringen kann. Mit ihrem Kernspruch “das Herz gehört dazu”, setzen die Schlaraffen dem Alltag Glanzlichter auf, entrümpelt von beruflichem und gesellschaftlichem Kleinkram, wie Neid, Ehrgeiz und niederem Denken.


Wenn sich die Schlaraffen treffen hat jeder die Möglichkeit, sein Steckenpferd zu reiten oder sonstige Begabungen ins Spiel zu bringen. Jeder der Lust hat meldet sich zu Wort, trägt etwas vor, zeigt seine Malerei, spielt ein Instrument, oder hält einen Vortrag über ein interessantes Wissensgebiet und erfreut somit die Zuhörer und erweitert deren Geist, Wissen und Gemüt. Das gegenseitige Geben und Nehmen geschieht unter der Ausstrahlung hoher Toleranz, gegenseitigem Verstehens und erfrischender Aufmunterung. Alle spielen mit, auch die, die nur zuhören. Wohlweislich werden Themen aus den Bereichen Politik, Religion und Geschäft ausgespart. Jeder Beitrag wird vom Vorsitzenden mit lobenden Worten bedacht und die Anwesenden bedanken sich mit lustigen, zustimmenden Bemerkungen und Applaus. Alles, sei es noch so schlicht, wird geachtet und mit Lob angenommen. Somit sind die Zusammenkünfte der Schlaraffen ein ständiges Geben und Nehmen.


Das zweite Element: Das Ritterspiel

Dieses gegenseitige Geben und Nehmen wird nun in ein zweites Spielelement eingebunden: das Rittertum, oder genauer gesagt, seine Parodie. Zur Gründungszeit der Schlaraffia Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte in der deutschen Bürgerschaft eine große Begeisterung für das – scheinbar – romantische Mittelalter, speziell für die Ritterzeit. Da lag es den Gründern nahe, sich aus den damaligen Ritualen zu bedienen. Die Lust zur Persiflage hat dabei eine große Rolle gespielt. Die schlaraffischen Pseudo-Würden und ihre devoten Verehrungszeremonien lassen sich leicht dazu benutzen, die ungeliebten Obrigkeiten der profanen Welt zu verhöhnen. Die Urschlaraffen nannten sich zunächst nicht Ritter. Es war eine allmähliche Entwicklung, sich in das romantisch verklärte Mittelalter Kaiser Maximilians I, des ‘letzten Ritters’ hinein zu versetzen.


Heute treffen sich die Schlaraffen in ‘Burgen’, sie tragen eine ‘Rüstung’, sie haben eine eigene pseudo-mittelalterliche Sprechweise angenommen, die Spielregeln gleichen einem gravitätisch gespreizten Hofzeremoniell. Sie geben sich einmalige, meist doppelbödig humorvolle Namen, die die Eigenschaften oder Neigungen des ‘Ritters’ charakterisieren. Durch dieses entstand auch die Spielhierarchie ‘Knappe-Junker-Ritter’. Sie schwingen hölzerne Schwerter, Helebarden und Dolche, und sie kämpfen Duelle mit Worten. Dieser mittelalterliche Aspekt des schlaraffischen Spiels ist für jeden zunächst etwas befremdlich, aber wenn er erkennt, daß das Spiel in einem Rahmen zelebriert wird, der das mittelalterliche Gehabe persifliert und alles mit Humor und einem bewußten Augenzwinkern abläuft, dann beginnt er, den tieferen Sinn dieses Spiels zu erkennen. Wenn man erkennt, daß im Ritterspiel die Schlaraffen aus der profanen Welt in eine idealistische Welt des Geistes treten, dann bekommt das Spiel eine neue und plausible Bedeutung: Das Ritterspiel befreit den Schlaraffen von den Sorgen des Alltags und gibt ihm neue Kraft.


Das dritte Element: Kunst und Humor

Geben und Nehmen und das Pseudo-Ritterspiel allein würden den Abend bei den Schlaraffen von einem Laienspiel kaum unterscheiden, wenn nicht das dritte Spielelement hinzukäme: Die Pflege von Kunst und Humor. Dieses Element sorgt für das Niveau beim Zusammentreffen. ‘In Arte Voluptas’ – in der Kunst liegt das Vergnügen – ist der Leitspruch der Schlaraffen. Man darf die Schlaraffia jedoch nicht sehen wie einen Konzertsaal oder ein Museum wo man selbst nur Zuhörer oder Zuschauer ist. Vielmehr gleicht es einem Orchester, in dem jeder aufgefordert ist, das ihm eigene ‘Instrument’ zu spielen. Einer trägt vor, ein anderer singt eine Arie, ein dritter zeichnet etwas, wieder ein anderer spielt ein Musikinstrument. Andere mögen sich in Prosa oder Poesie, ernst, heiter, lyrisch oder spöttisch kundtun. Auch gibt es immer welche, die einfach nur zuhören und zusehen, es aber gelernt haben, auch diese Kunst im gemeinsamen Spiel zu meistern. Jeder Einzelne leistet seinen Beitrag so gut er kann, und es zeigt sich immer wieder, daß jeder etwas kann.


Humor und das ‘Nicht-Ernstnehmen’ kennzeichnen die künstlerischen Beiträge. Für Schlaraffen ist Humor das Belächeln von menschlichen Schwächen, auch der eigenen, und ist Lebensbejahung und Lebensfreude. Humor hat keinesfalls mit dem Erzählen von Witzen zu tun, auch darf er nicht plump und beleidigend sein. Er entsteht aus der Herzenswärme des Einzelnen frei nach dem Motto ‘das Herz gehört dazu’! Gravitätisch, aber augenzwinkernd, zeichnen sie sich nach jeder erbrachten Leistung spaßeshalber mit Blechorden aus, begleitet von humorvollen Bemerkungen. Humorvolle Zweikämpfe werden ausgefochten, wobei die zu verwendenden Waffen die geschärften Zungen der Schlaraffen sind. Hier können alle Register eines Spiels gezogen werden, in dem nur Witz und Geist regieren. Die Pflege von Kunst und Humor macht Schlaraffia zum ‘Schlaraffenland des Geistes!’